ÖDP stellt EU- Experten an Spitze der Europaliste

Die Liste der ÖDP zur Europawahl im Mai 2014 wurde von Prof. Dr. Klaus Buchner angeführt. Er ist Atomphysiker und hat 2009 mit Teilerfolgen gegen den EU- Vertrag von Lissabon geklagt. Er besitzt daher viel EU- Detailwissen und wird so eine wesentliche Bereicherung des Europa-Parlamentes sein. Ein herzliches Danke an alle Wählerinnen und Wähler, die mit ihrer Stimme Dr. Buchner im Mai 2014 in das EU- Parlament gebracht haben, ÖDP Bergisches Land

Donnerstag, 14. Februar 2013

Video- Doku: Politischer Aschermittwoch der ÖDP Bayern in Passau

Zu den großen, traditionellen Veranstaltungen der ÖDP gehört jedes Jahr der politische Aschermittwoch des Landesverbandes Bayern, der in Passau stattfindet. Als Video aufgezeichnet ist diese Veranstaltung des Jahres 2013 weltweit nachhörbar.
Hier kann man auch kürzere Abschnitte sich anhören. Die Abschnitte und das Gesamtvideo sind auch in den folgenden Beitrag eingebettet.



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Pressemitteiling der ÖDP- Bayern zur Veranstaltung
Politischer Aschermittwoch der ÖDP:
ÖDP-Chef Klaus Mrasek gegen „Tempolimit für Erneuerbare Energien“

 Suttner: "Erwachsene müssen den Kindern zeigen, dass weniger Verbrauch mit mehr Lebens-Freude einhergehen kann!"
Passaus 2. Bürgermeister Urban Mangold (ÖDP): "Das Signal aus Passau zu Beginn des Super-Wahljahres ist: Ohne die Schwarzen geht es viel besser!"


 Die bayerische ÖDP-Spitze stellte beim Politischen Aschermittwoch in Passau ihre "Treue zu den Parteigrundsätzen der ÖDP" heraus. "Wir haben seit 30 Jahren keine unserer politischen Aussagen korrigieren müssen. Auch in dieser Hinsicht sind wir ein Kontrastprogramm zu den politisch nicht festgelegten Freien Wählern und zur CSU, die unter Seehofer teilweise wöchentlich ihre Meinung ändert", erklärte ÖDP-Landesvorsitzender Klaus Mrasek im Hacklberger Bräukeller.


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Scharf kritisierte Mrasek die Forderung von EU-Energiekommissar Oettinger nach einem "Tempolimit für erneuerbare Energien". "Immerhin hat der Herr EU-Kommissar zwei Begriffe gefunden, die für die Energiedebatte von Bedeutung sind - Tempolimit und Erneuerbare Energien. Allerdings war er bei der sinnvollen Kombination der Begriffe überfordert. Natürlich brauchen wir ein Tempolimit - auf den Autobahnen und natürlich brauchen wir Erneuerbare Energien und zwar 100 % so schnell wie möglich. Was wir allerdings überhaupt nicht brauchen, ist ein Tempolimit für die Energiewende. Mit Herrn Oettinger wurde ein weiterer Bock zum Gärtner gemacht.


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Der bayerische ÖDP-Chef kritisierte die von Rot-Grün gestarteten "diskriminierenden Kampagnen gegen Eltern, die ihre Kinder in den ersten drei Jahren zuhause erziehen" und forderte zur Anerkennung dieser gesellschaftlichen Leistung ein Erziehungs- und Familiengehalt. "Das ist kein Plädoyer für ein tradiertes Rollenmodell, sondern ein Gebot der Gerechtigkeit für alle, die diese gesellschaftsstabilisierende Arbeit leisten. Im Übrigen ist es respektlos, mit welchen Ausdrücken über die Eigenbetreuung hergezogen wird (Herdprämie, Schnapsgeld usw.). Darin kommt die ganze Verachtung für Mütter und Väter zum Ausdruck, die ihre Kinder selbst betreuen. Es ist ein Skandal, dass diese familienverachtende Terminologie nicht öffentlich angeprangert wird".

Bernhard Suttner, niederbayerischer Spitzenkandidat zur Landtagswahl und Beauftragter für Grundsatzfragen in der bayerischen ÖDP, blickte in seiner Aschermittwochsrede auf die Geschichte der ökologischen Bewegung zurück und erinnerte an den vor 40 Jahren erschienenen Bericht an den Club of Rome über die "Grenzen des Wachstums". Die seinerzeit Mächtigen von Franz-Josef Strauß bis Helmut Schmidt hätten sich über diesen Alarmruf der Wissenschaft empört oder lustig gemacht. Wachstumskritiker und Ökologen seien sogar als Staats- und Wirtschaftsfeinde verleumdet worden. Gottseidank hätten sich aber dennoch einige Pioniere in Wirtschaft, Forschung, Politik und Gesellschaft daran gemacht, sich von den Dogmen des "immer mehr und nie genug" und von der Fixierung auf Atomkraft und billiges Öl zu lösen. "Wo könnten wir heute stehen, wenn vor 30 und 40 Jahren nicht nur vorausschauende Minderheiten, sondern die Mächtigen aus den großen Parteien die Mahnungen der Wissenschaft ernst genommen hätten? Welche großen Fortschritte hätten wir erzielt, wenn sich Deutschland schon damals von der Atomgefahr und der hemmungslosen Verbrennung von ÖL, Gas und Kohle abgewandt hätte?", fragte Suttner.
Im gesellschaftspolitischen Teil seiner Rede plädierte Suttner für eine Politik der Kinderfreundlichkeit. Dabei gehe es "um die Freude am Leben nicht darum, die Rentensystem zu sichern". "Ein Kind ist zu allererst ein Kind, es ist ein Mensch ohne Zweckbindung, es ist ein Hoffnungszeichen... und kein künftiger Facharbeiter, Leistungsträger oder Rentenzahler!" Für die Rente könne man stärker steuerbasierte Systeme finden, wie z.B. das Modell der kirchlichen Sozialverbände, mit dem das bewährte Umlagesystem ergänzt und gestärkt werden könne.
Suttner forderte eine Pädagogik der Ermutigung in Familie und Schule sowie mehr Raum für den natürlichen Bewegungsdrang. "Wir müssen unsere Kinder wirklich Kinder sein lassen. Wir dürfen ihnen nicht von Anfang an, Angst machen, sie könnten nicht gut genug für diese Leistungsgesellschaft sein. Wir müssen unseren Kindern aber vorleben, dass Leben keine Konsumorgie und kein Dauer-Event zum All-inklusive-Schnäppchen-Preis ist! Wir müssen ihnen als Erwachsene zeigen, dass weniger Verbrauch einhergehen kann mit mehr Lebens-Freude und echtem Lebens-Genuss!"

Passaus 2. Bürgermeister Urban Mangold (ÖDP) begrüßte die Besucher der ÖDP-Kundgebung mit einer ÖDP-Leistungsbilanz in der Stadt Passau und verwies unter anderem auf die Erfolge seiner Fraktion bei der Energieeinsparung, bei Naturschutzprojekten, Hilfen für Senioren, bei verbesserten Bedingungen für die direkte Demokratie und beim Schuldenabbau. "So was passiert, wenn die CSU endlich mal nicht mehr den Ton angibt und in die Opposition geschickt wird", so Mangold: "Das eigentliche Signal beim Politischen Aschermittwoch zu Beginn des Super-Wahljahres ist: Wir Passauer zeigen es ganz Bayern: Ohne die Schwarzen geht es viel besser!"

Bernhard Suttner:
ÖDP-Aschermittwochsrede 2013

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
vor 40 Jahren bewegte ein Buch die Industriegesellschaft. Zu diesem Jubiläum hat die SZ zum Jahreswechsel 2012/2013 einen der Mitautoren interviewt.



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Ich möchte zu diesem Aschermittwoch 2013 eine etwas anders geartete Rede halten. Ich möchte Ihnen diese Interview zur Lektüre anbieten und meinen Senf dazu geben. Manchmal als Bestätigung der Thesen des Autors, manchmal aber auch im Widerspruch zu ihm.
Ich hoffe, es wird nicht langweilig oder chaotisch, weil ich mich erstmals auch der Mittel jenes berühmtberüchtigten Microsoft-Produkts bediene von dem Kundigere schon gesagt haben: Man kann Redner danach in zwei Gruppen einteilen: Haben Sie was zu sagen oder benutzen sie Power-Point? Na ja. Ich mache heute diesen Fehler…



Es geht los mit der Einleitung des Interviews:


Im Jahr 1972 verfasste der Norweger Jorgen Randers zusammen mit anderen Wissenschaftlern für den Club of Rome den Bericht „Die Grenzen des Wachstums“, der die Fortschrittsgläubigkeit des Westens tief erschütterte. 40 Jahre später hat der Wirtschaftsprofessor Randers ein neues Szenario entworfen, indem er weitere 40 Jahre in die Zukunft blickt. Höchste Zeit, mit ihm über eben diese Zukunft zu sprechen.


SZ: Herr Randers, haben Sie 1972 geahnt, was für eine Wirkung Ihr Text haben würde?


Jorgen Randers: Nicht im Geringsten. Der war ja ursprünglich auch gar nicht für die Öffentlichkeit gedacht.


Für wen denn dann?


Es gab da diesen italienischen Industriellen, Aurelio Peccei, der sich Sorgen machte um den Niedergang der Welt.


In ökologischer Hinsicht?


Ach was, der war ganz klassischer Kulturpessimist, Europa geht unter, Niveaulosigkeit allerorten. Ein soignierter Herr mit onduliertem Haar, der das MIT bat, seine Sorgen über den Zustand der Welt wissenschaftlich zu unterfüttern. Dennis Meadows war damals Assistenzprofessor am Jay W. Forresters Institut für Systemdynamik. Weil es kaum Geld für die Studie gab, bat er einfach seine Frau und einige Promovenden, darunter mich, ihm zu helfen.


Klingt noch nicht nach einem Rezept für einen Bestseller.


Wir haben aus unseren Systemanalysen und Computersimulationen verschiedener Szenarien einen wissenschaftlichen Projektbericht geschrieben. Der Club of Rome verstand kein Wort, also beauftragte man mich, das Ganze so zu übersetzen, dass all die honorigen älteren Gentlemen verstehen, worum es uns ging. Den Text nannten wir dann „The Limits of Growth“. Berühmt wurde er nur, weil er von den damaligen Ökonomen wüst attackiert wurde.


Was machte Ihre Kritiker so wütend?


Die Tatsache, dass wir die Wachstumsideologie infrage stellten. Dass wir sagten, die Welt ist klein und kann nicht ewig weiter so wachsen. Das machte einige rasend, die beschimpften uns als Fanatiker, Kommunisten, Irre. Außerdem hieß es, die Menschen würden nicht so dumm sein und das Fortschreiten des Wachstums bis zur ökologischen Unverträglichkeit erlauben. Der Streit half dem Buch, die Leute wurden neugierig: Was steht da drin, dass es eine ganze Branche derart in Aufruhr versetzt?


Das ist wirklich wahr: Ich fühle mich da mit vielen hier im Saal tatsächlich ein wenig als Zeitzeuge:
„Fanatiker, Kommunisten, Irre“ – die Urteile waren nicht immer so schlimm. Aber wer das Wachstum als absolutes positives Dogma der Wirtschaftspolitik in Frage stellte, der musste sich schon einiges anhören – seinerzeit, als Franz-Josef Strauß und Helmut Schmidt diese Republik bzw. dieses Land regierten und die treu ergebenen, Anhänger dieser beiden Großen nachplapperten, was die beiden Häuptlinge sagten.
Und die sagten sinngemäß: Wer was gegen Wachstum hat, ist keine Demokrat sondern entweder Kommunist oder ein Depp.
Diese Zeiten sind vorbei. Kürzlich hat sogar eine seit Jahren tagende Bundestagsenquetegruppe ihren Abschlussbericht angekündigt, in dem nun wirklich und wahrhaftig Alternativen zum BIP vorgelegt werden. Wir sollen künftig auf weit mehr Parameter gucken, wenn wir wissen wollen, ob es uns gut, besser oder schlechter geht, als auf jene Zahl, die in Euro und Cent ausdrückt, wofür im letzten Jahre irgendjemand etwas bezahlt hat. Ist diese Zahl größer, dann soll es uns besser gehen als im Vorjahr, ist sie kleiner, dann haben alle versagt und wir schauen in den Abgrund der Rezession… „Das BIP muss wachsen – sonst bricht alles zusammen“ So lautete damals, als die „Grenzen des Wachstums“ erschien, das von den unfehlbaren Päpsten der Ökonomie vorgetragene Dogma. Nun sollen diese Zeiten vorbei sein.
Sind sie wirklich vorbei?
Das Wachstum hat seine zentrale Bedeutung auch heute noch. Selbst die regierenden Grünen in Baden-Württemberg versichern, dass sie nichts gegen steigende Absatzzahlen von Porsche und
Daimler haben: Nach wie vor gilt Wachstum als unaufgebbare Basis, sozusagen als Voraussetzung für das Erreichen aller anderen Ziele. Seinerzeit, als die Notwendigkeit von Umweltschutz nicht mehr zu leugnen war, hieß es genauso wie heute: Wenn wir Umweltschutz finanzieren wollen, müssen wir vorher für Wachstum sorgen. Auch das Dauerthema „Verteilungsgerechtigkeit“ als Ziel der Politik wurde mit dem Wachstum in den Ursache-Wirkung-Zusammenhang gebracht.
Verteilungsgerechtigkeit für sich betrachtet bringt nämlich als politisches Ziel Spannungen, potentiell sogar gefährliche Konflikte in die Gesellschaft:
Wer hat, soll nicht nur behalten dürfen sondern noch mehr bekommen.
Wer nicht hat, soll endlich bekommen.
Das geht nur durch Wachstum – sagt der Realpolitker. Er sagte es damals und er sagt es heute. Bleibt das Wachstum aus oder fällt es nicht groß genug aus, bleibt entweder der Verteilungszustand wie er ist.
Oder aber es gibt Konflikt, weil Teilgruppen abgeben sollen, damit andere bekommen können.
Diese altmodische, umverteilende Gerechtigkeitspolitik ist seit 50 Jahren schon altmodisch –man macht sie einfach nicht! Man nimmt niemandem etwas weg – auch nicht den Erben, die zwischen 2000 und 2020 mehr als 5000 Milliarden Euro in Deutschland entweder schon geerbt haben oder noch erben werden.
5 Billionen Euro.
Hätten wir - wie die meisten Länder dieser Erde - eine 50%ige Erbschaftssteuer, dann würden sich die Staatsschulden Deutschlands in nichts auflösen! Wenn die Entschuldung nicht das erste Ziel wäre,könnte man mit diesen 2,5 Billionen Euro nahezu alle Qualitäts-Probleme in Kindergarten, Schule, Universität aber auch alle Probleme in den Pflegeheimen und Krankenhäusern dieser Republik lösen.
Und die Erben würden auch nicht in die Armut fallen: Nennenswert über den Freibeträgen geerbt wird nämlich nur in den Schichten, die schon seit Jahrzehnten keine materiellen Probleme haben…

Diese Zahlen kommen alle nicht von der Pressestelle der Linken. Sie wurden von dem anerkannten Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler für ein demnächst erscheinendes Buch aus den statistischen Daten dieses Landes gezogen.
Wenn es die Bundesregierung zulässt, könnten diese Zahlen auch im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung enthalten sein. Auch die Steuerergebnislisten der Finanzämter, die Monat für Monat veröffentlicht werden, zeigen, dass 80% des gesamten Steueraufkommens aus der Lohnsteuer, der Umsatzsteuer und den übrigen Verbrauchssteuern resultieren. Unternehmens- und Gewinnsteuern tragen lediglich 12 % bei. Die Erbschaftssteuer ist in diesen Listen lediglich als Bagatellsteuer zu finden.
Man sieht: Die Umverteilung von unten nach oben funktioniert; während jedes Windelpacket, das ein alleinerziehenden Mutter für ihren Säugling kauft mit 19% belastet ist, rasen Aktienpakete und Derivate immer noch und wohl noch lange ohne Umsatzsteuer durch die elektronischen Handelsmaschinen, die mittlerweile ein Tempo von 1 Million Aktionen pro Sekunde bewältigen können.
Über eine Umverteilung von oben nach unten traut sich niemand mehr zu reden… Das sei auch nicht nötig - über Wachstum, so die Märchenerzählung der Traditionspolitik, funktioniere eine
Wohlstandssteigerung auch für die unteren Schichten viel besser und harmonischer … es ist , wie ich behaupte eine Märchenideologie!
Die Lobby des obersten Fünftels der Einkommens- und Vermögenspyramide funktioniert. Sie hat jede sozial motivierte Verteilungspolitik als „Neid-Debatte“ disqualifiziert. Diese Lobby stützt auch die Festlegung der Mainstream-Politik auf das Wachstumskonzept: Wenn der Kuchen ständig größer wird, kann man irgendwann auch mal an neue Verteilungszustände denken…

Denn: Wenn der Kuchen deutlich größer ist, wird Abgabe von Teilen nicht zu wirklich weniger führen, sondern nur zu „etwas weniger mehr“!
Wir vermeiden also das gerechtere Teilen und zielen ab auf das ständige Mehr. Aber woher kommt dieses Mehr?

Eigentlich hat der seinerzeitige Bericht an den Club of Rome nur auf eine Plattitüde hingewiesen: „Von nix kommt nix.“ Wenn ein großer Kuchen gebacken werden soll, müssen die Ressourcen stärker beansprucht werden als bei einem kleinen Kuchen. Auch die Emissionen nehmen zu. Die Entropie, die Bewegung von hochkonzentriert zu fein verteilt, z.B. von Primärenergie zu Abwärme, wird beschleunigt.
Und noch eine Quelle für das „Mehr“ ist zu nennen. Diese Quelle interessiert neuerdings besonders: Der Stress in der gesamten Gesellschaft nimmt zu. Wir haben vor 3 Wochen den Bundes-Stress-Report gehört. Frau von der Leyen hat ihn mit der bekannten, nur ihr möglichen Stimmfärbung (ebenso pflichthaft-zuversichtlich wie besorgt-mütterlich) vorgetragen - mit einem unschönen Ergebnis:

Es ist nicht gemütlich in diesem Land! Das Stresshormon Cortisol ist ein ausgesprochenes Erfolgsprodukt mit grandiosen Wachstumsraten! Sogar viele Kleinkinder haben dieses Hormon in
massiven Mengen im Blut – vor allem dann, wenn sie am Freitagmittag ihre Arbeitswoche in einer personell zu knapp ausgestatteten Kita hinter sich gebracht haben! Oder wenn sie dort Überstunden schieben mussten, weil die zuträglichen 3 bis 4 Stunden in einer Kindergruppe nicht zur Erwerbsarbeitspflicht-Gesellschaft passen.
Cortisol hat kurzfristig seine unverzichtbare Wirkung: Alle Systeme des Menschen auf Höchstleistung trimmen, weil Flucht oder Jagd angesagt ist! Das Hormon ist allerdings als Dauergabe nicht besonders nützlich: Auf Dauer zu viel davon schwächt das Immunsystem. Ob wir das wollen?
Professor Günther Voss, ein Arbeitsforscher aus Chemnitz spricht sogar davon, dass der Stress aus der Arbeitswelt in die Familienwelt übergegriffen hat und zum gesellschaftlichen Dauerproblem wird, weil die Arbeitswelt keine Grenzen mehr kennt und die Menschen niemals mehr das Gefühl haben, dass die Arbeit jetzt vorbei ist. Dass nach der Arbeit etwas anderes beginnen kann: Freizeit und Familie. Sabbat und Muße. Erholung, Entspannung, Ruhe, ausreichend Schlaf.
Zynisch ausgedrückt: Das Wachstum nährt sich selbst; indem die Torte durch höheren Einsatz von allem und allen zu mehr Stress beiträgt, wächst dauerhaft und stetig auch der Gesundheits- bzw.
Krankheitssektor! Und dieses Wachstum treibt wiederum das Wachstum in der Pharmabranche und sorgt insgesamt für ein steigendes Bruttoinlandsprodukt.



Weiter im Text: Die SZ stellt passend zum Thema eine quantitative, wachstumsorientierte Frage:


Bis heute wurden 30 Millionen Exemplare verkauft.


Ja, es ist vielleicht das meistverkaufte ungelesene Buch der Welt.



Wie meinen Sie das?

 

Na ja, wenn du 30 Millionen Exemplare verkaufst und dann trotzdem alle glauben, das sei so eine Art Apokalypsefibel, in der steht, dass die Welt bis 2000 untergeht, dann weißt du, dass sich die Leute nicht intensiv mit dem Text beschäftigt haben.


Das ist bedenkenswert: Alle diese Alarmrufe aus der ökologisch-naturwissenschaftlicher Ecke oder auch aus der kritischen Ökonomie - ob es nun dieser damalige Bericht an den Club of Rome war oder später der Report „Global 2000“, oder auch die umfangreichen Studien „Zukunftsfähiges Deutschland“, die diversen Berichte internationaler Klimaforscher oder auch Buch und Film von Al Gore – immer wurden diese Alarmrufe in der medialen Öffentlichkeit als Untergangsbotschaften missinterpretiert.
Da mögen auch Fehler gemacht worden sein, auch von uns, auch von mir.
Es ging und geht aber niemals um das „Ende der Welt“. Darum sollen sich Sekten und unseriöse Maya- Forscher kümmern.
Die Welt wird weiter bestehen.
Auch die Menschheit wird weiterbestehen.
Es geht immer nur darum, ob es uns gelingen kann und ob wir es wirklich wollen, dass wir und unsere Nachkommen sich die ärgsten Schwierigkeiten ersparen können!
Es geht darum, sich Überforderungen zu ersparen! Es geht darum, die Probleme so zu minimieren, dass sie mit humanen Mitteln noch bewältigt werden können. Wenn wir alles einfach so treiben lassen, wenn wir die bekannten Ursachen der schon absehbaren Probleme noch verstärken, wenn wir verdrängen und verleugnen, dann wird die Welt trotzdem nicht untergehen –wohl aber kann der Punkt erreicht werden, an dem die Problembewältigung extrem schwierig wird und für unsere Nachkommen zu einer kaum noch zu bewältigenden Last. Und wenn es ganz schlimm kommt, dann kann die Versuchung zur Gewalt, zur Ausgrenzung, zum Kampf ums Dasein, um den Zugriff auf Böden, Wasser, Rohstoffe, Energie zu groß werden. Nicht den Untergang der Welt müssen wir verhindern, sondern die Zuspitzung der Probleme, die Versuchung zum angeblich „letzten Mittel“, die Versuchung zur Gewalt müssen wir vermeiden! Wir dürfen uns nicht selbst in diese Versuchung führen bzw. in sie hineintreiben lassen! Das haben unsere Enkel nicht verdient!
Nur darum ging es auch Meadows und seinem Team. Aber das war offensichtlich damals wie heute zu wenig sexy: Die Vorhersage des Zusammenbruchs –möglichst mit Angabe eines klaren Datum – das war attraktiv. Da dieser Zusammenbruch nicht eingetreten ist, glaubt man, die ganze Information wegwerfen oder lächerlich machen zu können.



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Ich stelle mir vor, wo wir heute stehen könnten, wenn seinerzeit Franz-Josef Strauß mit seiner CSU und Helmut Schmidt mit seiner SPD den Bericht an den Club of Rome ernst genommen hätten. Wo wären wir heute, wenn damals die mächtigsten Leute der Welt – wie hieß seinerzeit der amerikanische Präsident, wer beherrschte die Sowjetunion? – diesen Report zum Anlass einer Generalrevision der Ziele genommen hätten? Wir wären sicher heute nicht im Paradies. Aber wir hätten weit bessere Chancen, das Klima noch zu stabilisieren, eine gute, stabile Wirtschaft auf der Basis hoch effizienter Technik und weit entwickelter, technisch optimierter erneuerbarer Energien sowie mit nachwachsenden Rohstoffen zu betreiben und die Menschheit zuverlässig mit Nahrung, Bildung und medizinischer Hilfe zu versorgen.
Der Massen-Ferntourismus wäre wohl wegen hoher Preise für das Kerosin nicht in dieser Weise explodiert. Auch würden unsere Straßen nicht von schier endlosen LKW-Kolonnen auf der rechten Spur und hochmotorisierten, panzerschweren Dienstwagen auf der linken Spur beherrscht. Wir hätten wahrscheinlich einen gut ausgebauten, preiswerten Nah- und Fernverkehr auf der Schiene und ein enges Busnetz in der Fläche des Landes. Die Landwirtschaft wäre wohl mehrheitlich auf ökologische Wirtschaftsweise umgestellt. Energie und Rohstoffe wären wegen der Umstellung des Steuer- und Abgabensystems teuer, die menschliche Arbeitskraft wäre genau aus dem gleichen Grund aber günstiger, weshalb Reparatur und Wiederverwertung einen hohen Stellenwert in der Ökonomie hätten.
Bekanntlich hat sich die seinerzeitige „große Politik“ um den Bericht an den Club of Rome nichts geschert. Er wurde als Irrlehre abgelehnt. Außenseiter aller politischen Richtungen wie Erhard Eppler, Carl Amery, Rudolf Bahro und Herbert Gruhl haben den Bericht ernst genommen. Außenseiter in Wissenschaft und Technik haben begonnen, erneuerbare Energien zu entwickeln. Außenseiter in der Gesellschaft haben begonnen, den fairen Handel mit den Menschen auf der Südhalbkugel zu organisieren. Außenseiter aller Art haben begonnen, anders zu leben und ihre Werte anders zu gewichten. Sie haben begonnen, das kleine Eck des hier und heute zu verlassen und eine weiträumige und zukunftsorientierte Haltung zu pflegen. Ihnen verdanken wir die Chance, die Dinge vielleicht doch noch in eine bessere Ordnung zu bringen.
Die Mächtigen hatten anderes zu tun. Sie mussten den Leuten einreden, dass ohne Atomkraft die Lichter erlöschen werden. Dass ohne Plutoniumfabrik in der Oberpfalz bald die Atomkraftwerke ausgehen könnten. Dass dann Armut und Elend ausbrechen werden und in der Folge West-Deutschland als reife Frucht den Russen in die Hände fallen würde…
Was haben wir Außenseiter erreicht? Eine ganze Menge. Vor allem haben wir nicht die Fehler der Mächtigen mitgemacht, sondern insgesamt die Alternativen entwickelt, die heute von den Seehofers und Merkels dieser Welt als ihre ureigenen Errungenschaften präsentiert werden. Wäre es schon vor 40 Jahren nur nach ihnen und ihren Ziehvätern gegangen, dann hätten wir heute weit weniger Möglichkeiten, die Dinge noch zu regeln.

Wenn sie aber heute schon wieder – in der schlechten Tradition ihrer Vorfahren - über Tempolimits für erneuerbare Energien nachdenken, dann muss man ihnen in den Arm fallen und ihnen die Macht nehmen.


Zurück zum Text:


40 Jahre später haben Sie nun einen neuen Bericht verfasst:„2052–der neue Bericht an den Club of Rome“.Was ist Ihre Kernprognose?

Es wird ungemütlich. Weil wir die Treibhausgasemissionen nicht in den Griff bekommen. Die steigen bis 2030 weiter an, um dann bis 2050auf das heutige Level abzusinken. Das wird nicht reichen, um eine Erwärmung von weniger als zwei Grad zu garantieren. Wir stoßen jedes Jahr zweimal so viel Treibhausgase aus, wie die Wälder und Meere absorbieren können.


Das ist vielleicht das entscheidende Problem unserer Zeit. 2 bis maximal 2,7 Tonnen CO2-Äquivalent pro Kopf und Jahr wären nach allem was wir heute wissen können verträglich mit dem 2-Grad-Ziel Die Menschheit müsste den heutigen Durchschnittswert halbieren. Wir Deutsche müssten diesen Wert von 10 Tonnen auf 2 Tonnen fünfteln. In den USA müsste man sich darum bemühen, den 20 Tonnen-Wert auf 1/10 zu reduzieren. Was das bedeutet, wissen wir eigentlich. Wie es gehen könnte wissen wir auch.
Es ist aber nicht wirklich das Ziel dieser Gesellschaft. Hier sorgt man sich um den Strompreis. Man sorgt sich weniger um die Lebensbedingungen jener Menschen, die gerade geboren werden.
Eine Grafik aus den „Grenzen des Wachstums“ hat mir seinerzeit schlagartig die Augen geöffnet: Daran liegt es! Wir Menschen sind offenbar von unserer Genetik und unserer Erfahrung nicht darauf vorbereitet, das Anthropozän zu bewältigen: Ernsthafte Wissenschaftler haben ja vor kurzem dieses neue Erdzeitalter ausgerufen: Nicht mehr die natürliche Evolution sorgt für die Entwicklungsdynamik; es ist der Mensch mit seinen Entscheidungen und Verhaltensweisen, der die Entwicklung vorantreibt – weitgehend ohne Übersicht und ohne Bewusstsein für die Zusammenhänge – aber faktisch mit ungeheurer Wirkung.
Es gibt fast keine Alltagshandlung des modernen Menschen mehr, die sich nicht weltweit und bis in die höchsten Schichten der Atmosphäre hinauf auswirkt und die nicht weit in die Zukunft hinein Wirkungen auslöst. Wir verursachen ständig Segen oder Fluch für künftige Generationen von Menschen, aber auch Segen oder Fluch für die gesamte Biosphäre.

Dies ist uns aber im Alltag weder bewusst noch steuern diese weiträumigen und langfristigen Folgen unsere Entscheidungen:
Wir geben Gas, weil wir ein paar Minuten früher ankommen wollen… und erhöhen damit die CO2- Emission und beeinflussen damit die Zusammensetzung der Atmosphäre und die Problemstellung, mit der sich unsere Urenkel auseinander setzen müssen…
Wir greifen beim Sonderangebot an der Fleischtheke zu, weil wir jetzt ein paar Cent sparen können…wer denkt schon an die Sojaplantagen auf dem ehemaligen Regenwaldland, das diese billigen Fleischpreise ermöglicht?
Wir sorgen uns um das Wetter am Wochenende, weil wir einen Kurzurlaub planen, haben aber keine wirkliche Sorge um das Klima am Jahrhundertende, das wir mit dem Kurzurlaub beeinflussen werden… wir sorgen uns um die Schulnoten unserer Kinder …wir sorgen uns um das Limit unseres Dispokredits, weniger um die Limits of growth… wir sorgen uns um die Kilos, die wir zu viel auf den Rippen haben, hier erfreuen uns die Wachstumserfolge wenig…
Wir haben zu tun, mit unseren Sorgen um das enge Hier und Heute! Auch die Profis in der Politik haben zu tun, sich um ihre Wahlchancen zu sorgen.
Randers ist genau besehen sogar eher optimistisch, wenn er vom 4-Jahres-Zyklus der Politik spricht. In der Realität wird oft genug noch kürzer gedacht. Wenn im nächsten Jahr ein Förderprogramm ausläuft, muss „heute noch“ gehandelt werden. Wenn im Herbst gewählt wird, muss manches Projekt eben vorgezogen werden, müssen die Abwägungsprozesse verkürzt oder abgestellt werden. Wie hat Klaus Mrasek gesagt: „Das Wahljahr wirft seine Spaten voraus!“…
Besonders innovativ in Sachen Zeitdimension ist unser Ministerpräsident: Seine eigene Amtszeit wird zum Maß aller Dinge. Eine wahrhaft kreative Leistung in Sachen Zukunftsplanung! Ich halte es für eine Persönlichkeitsschwäche, wenn man über seine eigene Wichtigkeit nicht recht hinausdenken kann!



Zurück zum Text des Interviews:

 

Aber es wird doch viel getan. Deutschland will seine Energieversorgung komplett umbauen.

Klar. Es wird viel getan. 2052 werden wir knapp die Hälfte aller Energie mit Wind, Wasser und Solarkraft erzeugen. Aber es reicht eben nicht. Das ist tragisch.


Worin liegt die Tragik?


Technisch gesehen wären wir in der Lage, den Klimawandel in den Griff zu bekommen. Wir könnten bis 2050 die Emissionen um mehr als 60 Prozent zurückfahren. Es wäre ja nicht mal zu teuer, ein bis zwei Prozent des Bruttosozialprodukts würden ausreichen. Trotzdem wird es nicht passieren, weil die Demokratien mit ihrem Vierjahreszyklus auf die Gunst der Wähler angewiesen sind. Und der Kapitalismus funktioniert nun mal so, dass er schaut, wie man kurzfristig die höchste Rendite erzielen kann. Wir alle sind nicht willens, heute kleine Opfer zu bringen, um die riesigen Opfer In 50 Jahren zu vermeiden. Wir könnten eine CO2-Steuer von hundert Euro pro Tonne einführen, das wäre gerecht und vorausschauend, wird aber nie kommen.


„Müsste - wird aber nie kommen.“ Solche Sätze liebe ich.
Eine CO2 Steuer von 100 Euro pro 1000 Kilo. Müsste – wird aber nie kommen.
Gerade bricht der Preis bei denm Emissionsrechten nach unten durch. Nicht einmal 5 Euro kostet ein Verschmutzungsrecht für eine Tonne CO2! Der Markt ist tot. Die ehemals erwartete marktgerechte Lösung für das CO2-Problem ist gescheitert, weil viel zu viele Emissionsrechte an die Industrie verschenkt wurden und weil heute in der EU niemand mehr den Mut hat, diese Rechte zu begrenzen.
Das Ruinieren des Klimas ist im Rahmen des europäischen Handels mit Verschmutzungsrechten wohlfeil zu haben. Einsparung von CO2 ist im Gegenzug absolut unrentabel geworden.
Mich springt in dieser Antwort aber vor allem auch das Wort vom „Opfer bringen“ an. Ich habe dieses anachronistische Wort schon lange nicht mehr gehört. Es ist ein dunkles Kapitel meiner Kindheit ineinem sehr katholischen Elternhaus der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts. Dort war das „Opfer bringen“ eine selbstverständliche Kategorie des Lebens. In der Fastenzeit auf Schokolade zu verzichten und vor allem eine entsetzlich schmeckende Suppe zu essen, wurde als ewigkeits-relevante Aktion des „Opferbringens“ spirituell aufgeladen.
Der Himmel rückte näher, wenn man Opfer brachte.
Wozu aber soll der religiös aufgeklärte, womöglich agnostisch oder atheistisch eingestellte Zeitgenosse ein Opfer bringen?
Für den Gewinn einer nicht mehr geglaubten ewigen Seligkeit wohl nicht.
Für die womöglich gar nicht mehr mögliche Stabilisierung der Lebenssysteme auf dem Planten Erde?
Reicht das als Motivation? Hat das Ziel, Ermöglichung guter Lebensbedingungen für die künftigen Generationen irgendeine Motivationskraft für heutige Menschen - noch dazu für Menschen ohne eigene Nachkommen?
Ich hoffe ja.
Es gibt auch für agnostische und areligiöse Menschen eine große Motivation: Die Erhaltung eines guten Rufes. Die Bewahrung des eigenen Anstandes. Das Vermeiden berechtigter Verachtung. Die Rechtfertigung des eigenen Gattungsnamens: homo sapiens sapiens.
Der eigene Verstand müsste uns die Botschaft Jorgen Randers ins Hirn und ins Gewissen brennen:
Die heutigen, nicht einmal halbherzigen Taten reichen nicht – die Tragik der Demokratien ist der Vierjahresrhythmus – die Systematik des Kapitalismus – Wir alle sind nicht willens, heute kleine Opfer zu bringen um die riesigen Opfer in 50 Jahren zu vermeiden… wenn wir diese Wahrheiten akzeptieren, kann die Lösung angepackt werden –vorher nicht.



Weiter im Text:


Was ist mit den Chinesen und Indern?


Ach, hören Sie mir doch damit auf. Meine eigene Tochter verbraucht fünfmal so viel wie ein Chinese. Solange sich das nicht ändert, brauchen wir nicht mit dem Finger auf Asien zu zeigen. Wir haben selbst genug zu tun, beispielsweise weniger Kinder auf die Welt zu bringen.


Wir sind am vorläufigen Tiefpunkt des Interviews angelangt:
Die Tochter ist schuld!
Ich vermute, dass auch Herr Randers selbst etwas mehr verbraucht als ein chinesischer Wanderarbeiter…
Und dann die Empfehlung: weniger Kinder.
Das gehört offensichtlich zum Standardrepertoir eines Radikalökologen. Dass sich in diesem Biotop die ÖDP als ebenso ökologisch wie familienpolitisch entschiedene Gruppe herausbilden konnte, ist ein Wunder und hat vielleicht auch zu einer anhaltenden Irritation der Wählerschaft und der beobachtenden Öffentlichkeit geführt.
Für die stand nämlich schon früh fest: Wer ökologisch denkt, ist familienskeptisch. Schon ganz früh in der Phase der Erkenntnis ökologischer Probleme wurde das Bevölkerungsproblem ganz oben in der Skala der gefährlichen Entwicklungen festgelegt: Gäbe es weniger Menschen, würden die Vorräte länger halten und es würden auch weniger Naturräume beansprucht. Manche in der Szene träumten gar davon, dass sich die Menschheit zum Wohle des Planeten selbst beseitigen möge…
Die moderate Haltung zum Bevölkerungsproblem zeigt sich in der Aussage des Norwegers ganz deutlich. Weniger Kinder – dann wird vieles besser.
Weniger Kinder ist zunächst eine sehr undeutliche Aussage. Wer gar keine Kinder mehr hat – wie bei vielen Mitteleuropäern mittlerweile üblich – der kann nicht weniger Kinder haben. Eine ganze Generation wurde schon nicht mehr geboren!
Und wer noch viele Kinder hat – wie in den ärmsten Ländern dieser Erde üblich – der hat leider oft keine andere Wahl: Wenn die soziale Absicherung des Alters nur über Kinder möglich ist, wird dieser Weg unvermeidlich sein. Wer aus Armut oder wegen mangelnder Bildung keinen Zugang zu Verhütungsmitteln hat, der kann keine Familienplanung betreiben. Wenn die Rechte der Frauen aus religiösen oder traditionellen Gründen wenig gelten, wird die Begrenzung des Nachwuchses auch nicht klappen. Das alles ist mittlerweile gut erforscht. Deshalb ärgern mich solche platten Forderungen, selbst wenn sie von einem gescheiten Mann kommen.
Und hier in Europa geht es nicht um weniger Kinder sondern eher um mehr Nachwuchs. Wir brauchen Kinder, weil unsere Gesellschaften vergreisen und dadurch langweiliger und weniger lebendig werden.
Ich plädiere für eine Politik der Kinderfreundlichkeit, weil das eine Politik der Freude am Leben wäre!
Kinder zu fordern, weil wir Rentenzahler brauchen ist so ziemlich das Letzte was einem dazu einfallen kann! Für die Rente können wir stärker steuerbasierte Systeme finden, wie z.B. das Modell der kirchlichen Sozialverbände, mit dem das bewährte Umlagesystem ergänzt und gestärkt werden kann. Es ist auch an der Zeit, die Umsetzung der Vorgaben des Verfassungsgerichts einzufordern: In vielen Entscheidungen hat das höchste Gericht dem Gesetzgeber aufgegeben, die Erziehungsleistungen bei der Rente den Geld-Beitragsleistungen gleichzustellen. Der Gesetzgeber drückt sich. Es wäre zu teuer.
Denken sie an die vorher erwähnten 5 Billionen…
Wie gesagt: Wegen der Rente sollte niemand an die Menschen appellieren, sich für Kinder zu entscheiden. Ein Kind ist zu allererst ein Kind, es ist ein Mensch ohne Zweckbindung, es ist ein
Hoffnungszeichen… und kein künftiger Facharbeiter, Leistungsträger oder Rentenzahler!
Wir müssen aber unsere Kinder wirklich Kinder sein lassen. Wir dürfen sie nicht von Anfang an auf Höchst-Leistung trimmen und ihnen Angst machen, sie könnten nicht gut genug für diese
Leistungsgesellschaft sein.
Ich fordere nicht die ideale Schule und die ideale Kita und die ideale, fehlerlose Familie! Ich fordere aber eine Pädagogik der Ermutigung in Familie und Schule! Ich fordere Raum für den natürlichen Bewegungsdrang! Wir müssen unsere Kinder wirklich Kinder sein lassen. Wir dürfen ihnen nicht von Anfang an, Angst machen, sie könnten nicht gut genug für diese Leistungsgesellschaft sein.
Wir müssen unseren Kindern aber auch vorleben, dass Leben keine Konsumorgie und kein Dauer-Event zum All-inklusive-Schnäppchen-Preis ist! Wir müssen ihnen als Erwachsene zeigen, dass weniger Verbrauch einhergehen kann mit mehr Lebens-Freude und echtem Lebens-Genuss!
Dann, lieber Herr Randers, geht es gut mit mehr Kindern in Mitteleuropa. Für die ärmsten Länder dieser Welt brauchen wir den Kampf gegen die Armut durch faire Preise und Löhne, wir brauchen weltweit funktionierende Alterssicherungssysteme, ein anständiges Gesundheits- und Bildungssystem und ein Angebot humaner Familienplanungsmittel.
Der Tiefpunkt im Interview ist aber noch nicht erreicht. Es kommt noch härter und Widerspruch muss sein:



In gewisser Weise zeigen Sie selbst mit dem Finger nach Asien. Sie setzen China als Erfolgsmodell gegen unser schwerfälliges demokratisches System: eine zentralistische Regierung, die einfach bestimmt, was zu tun ist.
 

Ich weiß sehr wohl, was wir an der Demokratie haben, aber ich sehe schlichtweg nicht, wie wir den Klimawandel mit unserem auf der einen Seite schwerfälligen und auf der anderen Seite so
kurzatmigen System in den Griff kriegen sollen.


Aber muss man deshalb ein Hohelied auf ein extrem autoritäres System ohne Meinungsfreiheit singen? Ist eine Ökodiktatur die Lösung?



Ich propagiere doch nicht die Todesstrafe oder den Totalitarismus. Ich sage nur, dass China mittlerweile sehr viel mehr tut als der Westen. Der letzte Fünf-Jahres-Plan schreibt vor, dass die
Energieeffizienz bis 2020 um 40 Prozent wachsen soll.

Sollen wir Europäer ein zentralistisches Ein-Parteien-System installieren?


Nein. Aber die Europäer sollten sich für einen handlungsfähigen Staat und ein starkes EU- Parlament einsetzen.


Jetzt also ist die Gretchenfrage gestellt und die Antwort angedeutet: Auch diese geisterte von Anfang anm durch die ökologische Bewegung:
Geht die „Rettung der Welt“ mit der Demokratie oder muss zum Wohle der Existenz des Planeten „durchgegriffen“ werden? Ich konnte mir diese Alternative niemals richtig vorstellen – und doch wurde sie immer wieder debattiert. Auch heute verstehe ich die Debatte nicht wirklich: Ökologie oder Demokratie – ja wo kommen wir denn da hin?



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Zunächst einmal: Die chinesische Ein-Parteien-Diktatur schafft gar nichts außer Wachstum und Umweltdesaster in Potenz. Der von Herrn Randers zitierte 5-Jahres- Plan ist nichts mehr als ein zentralistischer 5-Jahres-Plan. Realität ist, dass man in den Ballungsräumen Chinas nicht mehr schnaufen kann und dass Leute ihre Freiheit riskieren, die darüber schreiben und reden. Wer solche Vorbilder in Erwägung zieht, gefährdet seine Reputation.
Allerdings: Wenn wir als Demokratien versagen, wenn wir unsere aktuellen Konsumwünsche (das billige Herumfliegen, das eingebildete Recht auf Höchstgeschwindigkeit in überschweren Fahrzeugen, das angebliche Recht auf jede Menge Fleisch und ähnliche Absurditäten) höher ansetzen als die Sanierung der planetaren Lebensbedingungen, dann können wir sehr schnell in eine Situation geraten, in der die Problem sich so zuspitzen, dass demokratische Werte über den Haufen geworfen werden. Das wäre dann aber keine „Öko“-Diktatur sondern eine fürchterliche Krisen-Diktatur, wie sie schon öfter in der Menschheitsgeschichte geschehen ist. Davor kann uns vielleicht ein gütiges Schicksal bewahren; besser aber wäre es, wir würden uns rechtzeitig, in freier Erkenntnis und in freier Wahl für eine Vorsorge- und Rettungspolitik entscheiden. Die Diktatur muss zum Tabu erklärt werden. Die menschenverachtende und menschenrechtsverachtende Einparteien-Herrschaft des Wachstumsweltmeisters China muss verschwinden und darf nicht einmal in akademischen Zirkeln als Vorbild diskutiert werden.
Freilich stimme ich Herrn Randers wieder aus ehrlichem Herzen zu: Nur eine starke, handlungsfähige, europäische Demokratie kann die immensen Probleme des 21. Jahrhunderts lösen. Weder eine nationale Kleinstaaterei wird die weltumspannenden Konzerne in eine ökologisch-soziale Ordnung einbinden können, noch eine von den Menschen abgehobene, Lobby-geführte Bürokratie: Wir brauchen eine europäische Demokratie mit einem klaren, begrenzten Auftrag, mit einem starken Europaparlament und einer wirksamen direktdemokratischen Bürgerbeteiligung. Dass sich gerade erstmals eine europäische Bürgerinitiative über die 1 Million-Unterschriften-Hürde geschwungen hat, ist ein gutes Zeichen. Leider wurde das zweite Quorum, die 7 -Länder – Hürde noch nicht übersprungen. Es geht um den gewaltigen Protest in Sachen Trinkwasserversorgung. Die Irrelehre der Privatisierung von basalen Versorgungssystemen scheint ihrer Ablösung entgegen zu gehen. Hoffentlich!


Die Süddeutsche scheint ein paar Euroskeptiker in ihren Reihen zu haben. Wie sonst ließe sich die nächste Frage erklären?

 

Die Deutschen haben ihre Energiewende doch ganz ohne die EU hingekriegt.

Sie haben sie ja noch gar nicht hingekriegt. Dass Deutschland die Energiewende beschlossen hat, ist beeindruckend. Aber es würde mich sehr wundern, wenn das Ganze nicht innerhalb der nächsten fünf Jahre wieder rückgängig gemacht werden würde. Teuer wird es ja erst.


Da unkt uns einer aber deutlich was vor!
Herr Randers, da werden wir schon aufpassen! Aber man kann nicht wachsam genug sein: Wenn schon jetzt von einem Tempolit mit für die erneuerbaren Energien die Rede ist, dann ist höchste Aufmerksamkeit vonnöten.
Dass die Energiewende teuer wird, steht keineswegs fest: ich verrate Ihnen nun ein großes, bislang nur ganz wenigen Menschen bekanntes Geheimnis: Eine Kilowattstunde Strom, ein Liter Benzin, ein Kubikmeter Gas die wir nicht verbrauchen, kostet nichts!
Wir müssen aufpassen, dass die erste Stufe der viel bequasselten Energie- Wende auch wirklich gezündet wird: Das Ende der Verschwendung und der Ersatz veralteter Anlagen durch hocheffiziente moderne Technik wird den Energieaufwand drastisch reduzieren und zu massiven Einsparungen, nicht zu Kostensteigerungen führen. Wer nur von den Kosten der Energiewende spricht, will diese Wende wahrscheinlich verhindern!
Der Aufbau regionaler Versorgung auf kurzen Wegen, die konsequente Nutzung der Abwärme von Generatoren und die Orientierung am Ziel einer raschen Versorgung zu 100% aus erneuerbaren Quellen – das alles ist doch kein Horror! Das ist Vergnügen pur!


Jetzt macht der Interviewer eine ganz komische Volte:

Okay. Wir alle wissen, dass das, was wir machen, falsch ist, und machen trotzdem weiter. Wie kann man sich gegen Depressionen wappnen?

Im Grunde ist das mein Lebensthema. Ich war so optimistisch Anfang der Siebziger! Als „Limits of Growth“ raus kam, war ich 27 und dachte, so, jetzt ist klar, was zu tun ist, alles wird gut. Nichts wurde gut. Ich habe damals nicht verstanden, dass wir selbst das größte Hindernis sind. Es ist lächerlich, auf die Politiker zu zeigen und zu sagen, sie seien schuld. Das sind wir schon selber. Ich habe irgendwann resigniert.

Das ging mir ähnlich so. Ich bin zwar etwas jünger als der Herr Randers, aber dieses Gefühl kenne ich.
Mich hat als aktives Mitglied der katholischen Jugend auch zu Beginn der 70er Jahre die Bewegung für Entwicklungsgerechtigkeit, für fairen Handel und dann auch für eine ökologische Reform der Ökonomie erfasst. Wie Randers sagt, dachten auch wir, dass in spätestens drei Dekaden, also zur Jahrtausendwende die Dinge in Ordnung zu bringen seien. Anders als Herr Randers waren wir uns aber von Anfang an darüber im Klaren, dass es kein entweder oder zwischen Politik und privatem Verhalten geben dürfe, sondern dass Politik und private Verantwortung zusammenspielen müssten.
Als ich dieses Interview zum ersten Mal gelesen habe, habe ich mich an dieser Stelle gefragt, ob ich auch resigniert habe. Die Antwort ist einfach: Es war und ist eine ständige Versuchung, der man aber niemals nachgeben darf. Es geht um viel zu viel. Wie oft hat man mich schon gefragt, warum wir ÖDP Aktive mit so viel privatem Einsatz für ein Programm eintreten, das zwar viele ganz gut finden, das aber bislang noch nicht in ein großes Parlament gewählt wurde. Ja, das Programm wurde nicht hineingewählt. Immer war den Menschen vor der nächsten Wahl irgendetwas wichtiger als die große ökologische Reform, die unsere Gründungsidee ist.
Weil diese Idee so richtig und so wichtig ist, deshalb kann ich für mich sagen: Ich habe der Versuchung zur Resignation bislang nicht nachgegeben. Und wie es scheint, hat auch der SZ-Gesprächspartner den Verdacht, dass die Aussagen „ich habe resigniert“ nicht das letzte Worte des Wissenschaftlers und Autors Randers ist…


Er sagt nämlich:

 
So wirken Sie heute nicht. Was ist also die Antwort?

Ich habe drei Antworten. Erst mal eine ganz konkrete Handlungsanweisung. Das Hauptproblem sind schließlich die Klimagasemissionen der reichen Nationen. Wenn die eine Milliarde, die im Wohlstand lebt, ihren Lebensstandard ändert, wäre alles gut. Kaufen Sie alle zehn Jahre ein Auto, das 30 Prozent weniger Benzin verbraucht. Fahren Sie jede Dekade Ihren Energieverbrauch zu Hause um ein Drittel runter: neue Fenster, bessere Heizung, all diese einfachen Sachen. Und fliegen Sie weniger.


Lieber Herr Randers, Sie haben ja so recht! Aber das macht niemand einfach so.
Einige wenige machen es, haben es schon vor 10 oder 20 Jahren gemacht. Aber eine ganze Milliarde Nordamerikaner, EU-Bürger und Oberschichtsmitglieder aus Schwellen- und Entwicklungsländern – die machen das nicht freiwillig. Das zu erwarten ist naiv.
Das geht nur durch Politik. Politik hat eine Vielzahl von Mitteln, etwas zu erreichen:
Das Ordnungsrecht – Gebot und Verbot.
Die Subvention des gewünschten Verhaltens.
Das Schaffen von Anreizen durch Steuern und Abgaben auf unerwünschtes Verhalten.
Aufklärung über die Lage der Welt, über die Notwendigkeiten, über neue Projekte.
Es ist leider so: Alle diese Instrumente werden kaum für die Bewältigung der großen ökologischen Problemlagen eingesetzt.



Essen kann ich, was ich will?

Na ja, wenn Sie nicht die 15 Kilo Fleisch essen, die ein Deutscher durchschnittlich im Jahr verspeist, ist alles wunderbar. Aber das ist nicht der Punkt. Die Landwirtschaft macht nur 15 bis 20 Prozent der Emissionen aus. Genauso wichtig: Hören Sie auf, hier in München italienisches Mineralwasser zu trinken. Trinken Sie Bier von der örtlichen Brauerei und Ihr wunderbares bayerisches Leitungswasser. Das ist die simple Antwort. Und es gibt absolut keine Entschuldigung dafür, all das nicht zu tun.


Das ist der Vorteil des Wissenschaftlers: Er kann sagen, was ihm richtig erscheint. Für Leute, die gewählt werden wollen, ist nichts gefährlicher als zu sagen, was sie für richtig halten. Vor allem dann ist so etwas gefährlich, wenn es klingt als wolle man sich in die Lebensführung und die Glücksvorstellungen der Leute einmischen. Es ist ja richtig, dass sich Politiker nicht zu Super-Erziehern aufspielen sollen.
Aber der persönliche Lebensstil steht in ständiger Korrespondenz mit den politischen Entscheidungen und umgekehrt: Der Bau von komfortablen Straßen fördert den privaten PKW-Verkehr und der private PKW-Verkehr verlangt nach komfortablen Straßen.
Oder:
Gibt es Zuschüsse für den Neubau von Ställen erst ab einer Mindestzahl von Plätzen für die entsprechenden Tiere, dann wird der Bauer mindestens so viele Tiere planen. Bekommt er aber eine existenzsichernde Zuzahlung für eine extensive Wirtschaftsweise mit Ansprüchen an Tierschutz und Artenvielfalt, dann kann er auch mit weniger Tieren und niedrigeren Erträgen wirtschaften. Umgekehrt werden die Preise für gute Lebensmittel steigen und es wird sich der Konsum anpassen. Die heutigen Fleischpreise sind bekanntlich absurd niedrig, was wiederum die Bauern zur Intensivierung der Wirtschaftsweise zwingt. Es lässt sich nicht leugnen: Private Verhaltensweisen und politische Maßnahmen hängen zusammen.
Die Empfehlung des Herrn Randers, regionales Bier und lokales Leitungswasser zu trinken, unterstütze ich gerne. Aber auch hier gilt der behauptete Zusammenhang von Politik und privatem Verhalten: Wenn Transport immer noch zu wenig kostet, wenn der Gebrauch von Einwegflaschen eher gefördert als gehindert wird, dann haben große, deutschlandweite oder europäische handelnde Produzenten leichtes Spiel, regionalen Mittelstand zu bedrängen. Umgekehrt: Wenn Transport teuer wird, wenn Mehrwegbehälter gefördert werden, dann hat die Regionalwirtschaft die Nase vorn.
Dumm nur, dass entweder dem Herrn Randers oder des Süddeutschen hier ein doppelter und sehr schwerer Fehler unterlaufen ist:

Erster Fehler: Der Fleischkonsum in Deutschland liegt nicht bei 15 Kilo pro Kopf und Jahr sondern mindestens bei 60 Kilo – es gibt auch noch höhere Zahlen.
Zweiter Fehler: 15 bis 20% der Emissionen darf man nicht mit dem Wörtchen „nur“ schmücken! So kann man alles runter rechnen: Dann ist der private PKW Verkehr eben auch „nur“ zu 15 % beteiligt, der Flugverkehr nur zu 8 % die Unterhaltungselektronik und deren Energieverbrauch nur zu 5% beteiligt und letztlich alles zu vernachlässigen.
Ergo: Lohnt nicht, irgendwo was zu verändern - ist ja nicht 100%!
Die Geschichte mit der falschen Zahl 15 Kilo und dem verharmlosenden Wörtchen „nur“ ist in mehrfacher Hinsicht bedauerlich: Es geht hier nämlich beim Essen und bei der Landwirtschaft nicht alleine um den Klimaschutz bzw. um Klimagefahren. Es geht auch um den Welthunger, weil das viele Fleisch nicht alleine vom Gras und dem hier wachsenden Getreide kommt, sondern große Flächen in den sog. Schwellen- und Entwicklungsländern beansprucht, auf denen eigentlich die Grundnahrungsmittel für die dort lebende Bevölkerung wachsen sollten. Da dieser Anbau aber weit weniger gewinnträchtig ist als der Export von Soja ist es eben so wie es ist: Den lokalen Kleinbauern fehlen die Flächen. Große Agrargesellschaften produzieren für den Weltmarkt genmanipuliertes Soja, das dann hier zu Schwein und Rind „veredelt“ wird, wie das so schön in der Landwirtschaftssprache heißt.
Oder auf den Flächen wird dann Palmöl oder Zuckerrohr für Treibstoffe angebaut. „Teller oder Tank“ – wie edel lässt sich nach dem Genuss eines schöne Steaks diese Diskussion führen! Wir haben aber nicht nur das „Teller oder Tank“-Problem. Wir haben schon viel länger das Teller oder Teller–Problem in der Welt. Nämlich das „Gemüse-Teller“ oder „Fleisch-Teller“ Problem! So richtig es ist, den Landraub anzuprangern, der wegen des Treibstoffhungers stattfindet, so wichtig wäre es, den schon weit länger und intensiver betriebenen Landraub zu ächten, der die Basis für unseren hohen Fleischkonsum bildet:
1/3 der weltweiten Agrarflächen werden für den Anbau von Futtermitteln genutzt! Wir sollten alle miteinander die bayerischen Traditionen stärker pflegen und uns an die früher hier üblichen zwei Fleischtage halten! Den Bauern anständige Preise, den Tieren anständige Lebensbedingungen, aber insgesamt deutlich weniger Fleisch!
Unser Essen ist Politik, Ernährungspolitik, Gerechtigkeitspolitik, Welthandelspolitik. Und es geht um Ethik. Um Lebensrechte von Menschen. Bei einer vernünftigen, weniger am Fleisch orientierten Weltlandwirtschaft könnte der Hunger in kurzer Zeit besiegt werden. Und es geht um Tier-Ethik. Tiere aus der Massentierhaltung werden unter Phantasiemarken als „Wiesengrund“ und „Erlenhof“ vekauft.
Sie haben aber niemals eine Wiese, einen Hof oder eine Erle erblickt. Man hat ihnen den Schnabel weggezwickt, oder betäubungslos die Hoden geraubt, die Hörner verätzt. Eine geradezu abstoßende Verirrung ist der Gebrauch - oder auch Missbrauch – von großen Mengen von Antibiotika in Teilen der Massentierhaltung. 170 mg pro Kilo Fleisch wird für Deutschland  geschätzt. In den USA sind es schon doppelt so große Mengen. In China brennen hier alle Sicherungen durch! Ganz offensichtlich geht es nicht mehr ohne. Das Risiko, den gesamten Bestand zu verlieren, ist bei derart hoher Bestandsdichte zu hoch; deshalb wird mehr oder minder regelmäßig bei begründetem Verdacht zum Arzneimittel gegriffen.
Humanmediziner befürchten eine schleichende, trabende oder schon galoppierende Entwertung dieser Medikamentengruppe durch Resistenzbildungen bei gefährlichen Keimen. Das Pendel des Massentierhaltungs-Irrsinns schlägt womöglich zurück, und trifft den Menschen.
Alles gar nicht lustig. Zurück zum Interview mit Herrn Randers:



Sie sind in Ihrem Buch immerhin insofern optimistisch, als Sie – anders als einige Ihrer früheren Mitstreiter, etwa Dennis Meadows – erst mal nicht an einen totalen Zusammenbruch glauben.

Ja. Ich denke, dass wir das Bevölkerungsproblem genauso in den Griff kriegen wie das Ressourcenproblem. Aber das bedeutet eben auch, dass alles erst mal so weitergehen wird wie bisher, der Kapitalismus, der Raubbau, die Emissionen…

Das klingt jetzt so, als ob Sie diese Stabilität bedauern. Bräuchten wir etwa Katastrophen, damit die Menschen umdenken? „Sandy“ in XXL?


Mehr als das. Wir bräuchten regelmäßig wiederkehrende, immer gleiche Katastrophen. Alles deutet darauf hin, dass die Nationen insgesamt erst auf unwiderlegbare Schadensbeweise reagieren. Australien wurde sieben Jahre lang von Dürren geplagt. Es sah so aus, als würde das etwas bewirken. Aber seit zwei Jahren regnet es da wieder. Also ist das Thema Klimawandel leider wieder vom Tisch.



Protest und Einspruch Herr Randers!
Ich hasse dieses Argument.

Mich hat schon zu Kindheitszeiten die Geschichte von den Plagen empört, die der Herr angeblich über Ägypten kommen ließ, um Israel zu befreien. Das hätte auch anders gehen müssen. Der Mensch hat sich den Gattungsnamen „homo sapiens sapiens“ gegeben, weil er zu verantwortlichem Abschätzen der Folgen seines Verhaltens fähig ist. Zumindest nach der Pubertät, die nach neuerer Forschung beim männlichen Menschen bis zum 25. Lebensjahr dauern kann…
Leider erst als letzter Akt erfolgt das Ausreifen des präfrontalen Cortex , jener Gehirnregion, die für Risikoabschätzung und Voraussicht zuständig ist. Wer nach Katastrophen ruft, um Lernprozesse einzuleiten und zu fördern, der beleidigt uns alle als Gattung. Aber auch umgekehrt: Wer ohne Katastrophen nichts lernen möchte, beleidigt sich selbst. Aber am schlimmsten: Wer trotz Katastrophen immer noch nicht lernt, ist verloren.
Die Parallele zur Finanz- und Schuldenkrise drängt sich auf: Auch hier stellt sich die Frage, ob Lernen aus Katastrophen oder Lernen aufgrund rationaler Risikoabwägung wahrscheinlicher ist. Die Antwort scheint düster auszufallen: Weder noch. Bei der Schuldenkrise geht es aber letztlich nur um Geld, um eine Währung und womöglich um hohe materielle Verluste. Bei der Klimakrise, bei der Krise der Artenvielfalt, bei der Krise der Wasserkreisläufe und der Bodenvitalität – alles zusammen genommen:
bei der ökologischen Krise – geht es um Leben und Lebensqualität! Wir sollten nicht auf weitere Katastrophen warten. Wir sollten jetzt den präfrontalen Cortex in seine Rechte einsetzen und als homo sapiens sapiens das tun, was nötig ist. Vernünftig wirtschaften, das Kasperltheater um Wachstumsraten beenden, die Post-Wachstumsökonomie entwickeln, besser leben – mit weniger materiellem Ballast, weniger Schulden, weniger mörderischem Stress, weniger Cortisol in der Blutbahn unserer Kleinkinder – dafür mit mehr Ruhe, mehr Lebensqualität, mehr Schönheit in Natur und Kultur und mit mehr Zukunftssicherheit.



Würden Sie sich selbst eigentlich als zynisch beschreiben?

Nein, überhaupt nicht. Warum?

Na ja, Sie raten beispielsweise in Ihrem Buch, die eigenen Kinder bloß nicht zu Naturliebhabern zu erziehen.

Wenn ich meinen Kindern beibringe, sich an schöne, leere Landschaften zu gewöhnen, werden sie ihr Leben lang Schmerz empfinden, weil die Natur nun mal in einem Irrsinnstempo verschwindet. Bringen Sie Ihren Kindern lieber Computerspiele bei, die wird es auch 2052 noch geben.

Meinen Sie das im Ernst?

Halb. Dieser Rat soll den Leuten vor allem zeigen, was für eine hässliche Welt wir unseren Kindern hinterlassen. Würde mich wundern, wenn die sich noch an den Generationenvertrag halten würden und eines Tages brav unsere Schulden zahlen. Aber es ist leider auch was dran an dem Rat. Ich selbst bin sehr naturnah aufgewachsen und habe deshalb die letzten 40 Jahre permanent unter der Umweltzerstörung gelitten. Die Niederschrift meines Buches war auch eine Art Antidepressivum. Das wäre die dritte Antwort: Engagieren Sie sich!

Meine lieben Zuhörerinnen und Zuhörer!
Was soll man dazu sagen? Computerspiele statt Naturerlebnis als Top-Angebote einer zukunftsgerechten Pädagogik? Wer sich rechtzeitig an die Abwesenheit von Natur, Landschaft, Flora und Fauna gewöhnt, leidet nicht unter den Verlusten, die  tagtäglich weniger „geschehen“ als vielmehr zielgerichtet organisiert werden! Man betrachte die Entwicklung der Gemeinden entlang der Autobahnen und großen Bundesstraßen: Eine einzige Aneinanderreihung von flächenfressenden Gewerbe- und
Siedlungsgebieten. Und es scheint kein Ende zu nehmen. Wer darüber klagt, ist ein Feind von Wohlstand und Arbeitsplätzen.
Was wir in den letzten 100 Jahren alleine hier in unserer Heimat verloren haben ist erschütternd. Aber wir haben nicht alles verloren! Der friedliche Widerstand, das Engagement so vieler hat einiges gerettet.
Die Donau ist mehr als ein Beispiel dafür: So vieles wurde verloren.
Was Albrecht Altdorfer vor 500 Jahren gesehen und gemalt hat, ist weg. Aber es ist nicht alles weg. Wir konnten verhindern, was an weiterer Zerstörung schon geplant und gezeichnet war.
Resignation ist verboten. Engagieren Sie sich. Zeigen Sie Kindern und Enkeln, was es jenseits der Spielkonsolen auch noch gibt. Noch pulsiert das Leben. Noch fliegt, schwimmt und wuselt allerhand in Boden, Wasser und Luft. Noch gibt es das echte Wachstum. Noch funktioniert die Photosynthese. Noch.
Es lohnt sich. Engagieren sie sich.

1 Kommentar:

  1. Die Aschermittwochsrede 2013 von Bernhard Suttner war, wie so oft, eine geniale Meisterleistung.
    Meine Hochachtung vor dieser Persönlichkeit.

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